Zusammengefasste Thesen der Workshopreihe "Kärnten postnationalistisch"

Aktualisiert: 1. Aug.

im Rahmen des Projektes „Dialogplattform Kärnten nach 2020: Konfliktlösungsfähig-postnationalistisch- viersprachig“ - „Vom Neben- und Gegeneinander zum Mit- und Füreinander im Lande und in Europa“


1. Postulate:


1.1 An alle sprachlichen Gruppierungen in Kärnten:

  • Sensibilisierung für die Gedanken- und Gefühls-Welt der Menschen anderer Muttersprache, Kultur oder Religion.

  • Heraustreten aus den geschlossenen Gemeinschaften unter Wahrung der kulturellen Traditionen, wechselseitige Wahrnehmung, Akzeptanz und Begegnung auf Augenhöhe,

  • Bewusstwerden der mehrfachen Identitäten (Gemeindebürger, sprachliche Gemeinschaft,

  • Landesbürger, Österreicher, EU-Bürger),

  • Schaffung eines verständnisvollen Freiraums für alle in Kärnten Lebenden zur Ermöglichung ihres individuellen Lebensentwurfs


1.2 An die slowenisch- deutschsprachige Minderheit:


  • Aufarbeitung der historischen Gegensätze ihrer politischen Organisationen, Besinnung auf ihre Gemeinsamkeiten,

  • Definition ihrer Aufgaben im innerstaatlichen, zwischenstaatlichen und europäischen Zusammenleben


1.3 An die zugewanderten Minderheiten:


Parallelgesellschaften vermeiden, wechselseitiges Kennenlernen der Kulturen und Religionen, Teilhabe am sozialen Leben


2. Bestehende Hindernisse:


2.1 Die Nationalismen haben verloren gegangene Leitbilder ersetzt: Absolutistische monarchische Ordnungen und die auf das Jenseits gerichteten religiösen Grundhaltungen. Gemeinsam haben die Nationalismen mit diesen Leitbildern die Intensität der damit verbundenen Emotionen. Neue Leitbilder müssen nicht nur rationalen Anforderungen entsprechen, sondern auch den Gefühlen.


2.2 Die von Gewalt geprägte Vergangenheit wurde unterschiedlich wahrgenommen und durch Generationen unreflektiert tradiert. Jeder empfand sich selbst als Opfer und den Anderen als Täter. Die Traumata des erlittenen Unrechts wurden nicht oder zumindest ungenügend aufgearbeitet.


2.3 Die allseitigen Abgrenzungen haben den Blick nach Außen verstellt und führten zu kollektiver Ichbezogenheit und Selbsterhöhung. Unverrückbare Vorurteile und Feindbilder waren die Folge, welche die emotionale Identifikation mit größeren Gemeinschaften erschweren und je nach dem Grad und dem Umfang nationalistischen Verhaltens sogar unmöglich machen.


2.4 Nationalistische Parteien missbrauchen die Gefühlswelt ihrer Bevölkerung für den Machterwerb und die Machtausübung. Krisenzeiten begünstigen nationalistische Verhaltensweisen und erschweren die Tätigkeit überstaatlicher Organisationen.



3. Maßnahmen zur Überwindung der Nationalismen


3.1 Kennen- und Verstehenlernen auf allen Ebenen des Zusammenlebens- auf der örtlichen Ebene, der staatlichen oder der europäischen- gilt als Primärforderung.

Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Vertrauens kann nur zwischen Bekannten und nicht zwischen Unbekannten entstehen und wachsen. Für die europäische Ebene bedeutet dies die Forderung an deren Organe, der europäischen Bevölkerung gleich den innerstaatlichen Bildungsprozessen grundlegende Informationen über alle Länder zu verschaffen. Beispielsweise sollten von allen Mitgliedsländern Webseiten in allen offiziellen EU- Sprachen mit landeskundlichen Inhalten, wie ihrer Geschichte , Wirtschaftsstruktur, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, Landessprachen etc., eingerichtet werden, während der halbjährig wechselnden Ländervorsitze im Rat der EU sollten spezielle touristische und kulturelle Angebote erstellt werden und dgl. mehr.

Mit profundem allseitigem Wissen werden Vorurteile und Ängste reflektiert und abgebaut, die Basis für jedwede sachliche Auseinandersetzung mit divergierenden Ansichten. Durch die Beschäftigung mit anderen Ländern, deren geschichtlichen Schicksalen, deren Ressourcen, deren wirtschaftlichen und sozialen Fragen, verändert sich die Sicht nach Innen auf sich selbst auf die Sicht nach Außen. Die nationalen Gegensätze relativieren sich dadurch von selbst.


3.2 Die gegenseitigen Vorbehalte und Vorurteile in Kärnten zwischen der deutschsprachigen Mehrheit und der slowenisch- deutschsprachigen Minderheit sind unterschwellig vorhanden.

Es wäre angebracht, ihnen im Anlassfall nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie aufzugreifen und sich mit ihnen kultiviert auseinanderzusetzen, sowohl auf familiärer Ebene oder im Bekanntenkreis als auch in der Öffentlichkeit.

Diskurse dieser Art müssen geprägt sein von einem Klima der Offenheit und Wahrheit, der Bereitschaft des Zuhörens und Verstehens, der beiderseitigen Selbstkritik, sowie dem Willen zur Befriedung.

Ein besonderer Handlungsbedarf an Versöhnungsarbeit besteht zwischen den Familien der in der NS- Herrschaft Getöteten und Ausgesiedelten sowie den Familien der Opfer des Partisanenkampfes und der bei Kriegsende Verschleppten. Dialogisches Erinnern unmittelbar zwischen ihnen wäre eine erfolgversprechende Vorgangsweise. Wer ist bereit, den ersten Schritt zu setzen?


3.3 Die historisch bedingten Gegensätze zwischen den politischen Organisationen der slowenisch- deutschsprachigen Minderheit behindern sie in ihren Aufgaben und nehmen ihr Legitimität gegenüber der deutschsprachigen Mehrheit.

Ihre Repräsentanten müssten bereit sein, sich ihren widerstreitenden Sichtweisen zu stellen und selbst Wege zu deren Lösung finden. Mit Unterstützung außenstehender neutraler Konfliktlösungsexperten würde ein solcher Prozess erleichtert werden. In einem weiteren Schritt wäre die Erörterung und Neudefinition ihrer Stellung und ihrer Aufgaben im Lande notwendig und in den West- Ostbeziehungen Europas nützlich.




3.4 Das Verhältnis zwischen den zugewanderten Minderheiten und der ortsansässigen Bevölkerung ist beiderseits geprägt von Ängsten, Vorurteilen und Unwissenheit.

Sie zu überwinden ist vordringlich, und kann dies nur durch Zusammenwirken staatlicher, karitativer und zivilgesellschaftlicher Institutionen gelingen. Begegnungszentren mit vielfältigen gemeinschaftsbildenden Angeboten- von Informationen über die Herkunftsländer, über Sprachentreffs, kulturelle Darbietungen, bis zu gemeinsamen Freizeitgestaltungen u.s.w.- würden neue Chancen für ein reibungsloses Miteinander eröffnen. Für derartige Begegnungszentren sind keine weiteren Einrichtungen erforderlich, die bestehenden Infrastrukturen aller einschlägigen Organisationen sollten hierzu eingebunden und genutzt werden. Für erforderliche Adaptierungen müssten zwar öffentliche Mittel beigestellt werden, diese bilden eine lohnende Investition in unsere gemeinsame Zukunft.








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